HessenWenn jede Minute zählt: Drohne bringt Gewebeproben ins Labor

Während der Patient in Narkose bleibt, wartet das OP-Team auf das Ergebnis aus der Pathologie. Eine Drohne soll diese Wartezeit in Kassel deutlich verkürzen.
Kassel (dpa/lhe) - In rund 60 Metern Höhe surrt eine Drohne am Kasseler Himmel. Ihr Ziel: Die Pathologie des Klinikums Kassel. Ihre künftige Fracht: Sogenannte Schnellschnitte aus den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel. Das sind Gewebeproben, die etwa während einer laufenden Operation an Tumorgewebe entnommen und möglichst schnell im spezialisierten Labor untersucht werden müssen. Denn das Team im OP wartet auf die Ergebnisse und passt den weiteren Verlauf der Operation an sie an.
Um die Proben in Zukunft schneller zwischen den Klinikstandorten zu befördern, werden dort jetzt medizinische Drohnenflüge getestet. Die unbemannten Fluggeräte des Schweizer Herstellers Jedsy transportieren sie dabei über den Dächern der Stadt.
Schneller als mit dem Taxi
Bislang werden die medizinischen Proben per Taxi transportiert. "Die Drohne ist deutlich schneller", sagte Irina Berger, Chefärztin der Pathologie am Klinikum Kassel. Sie brauche für die Luftlinie etwa vier Kilometer lange Strecke nur wenige Minuten. "Wir verkürzen die gesamte Bearbeitungszeit so von einer Stunde auf etwa 20 Minuten."
Je kürzer diese Zeitspanne ist, desto besser. Denn der Patient, dem die Probe entnommen wurde, bleibt so lange in Narkose, bis der Chirurg anhand der Ergebnisse der pathologischen Untersuchung über den Umfang des Eingriffs entscheiden kann.
Übergabe direkt am Fenster
Derzeit werde der Betrieb der Drohne noch ohne Fracht getestet, berichtete Herbert Weirather von Jedsy. Dabei würden die Flugrouten sowie die technischen und organisatorischen Abläufe unter den Bedingungen vor Ort überprüft. Dazu zählt etwa die Übergabe der Proben direkt am Gebäude.
Die Drohne landet dazu an einer Andockstation am Fenster oder einer Gebäudewand, über die sie auch geladen wird. Das elektrisch betriebene Fluggerät hat eine Spannweite von 2,90 Metern und erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 110 Kilometern pro Stunde. Es fliegt voll automatisiert auf wenige Zentimeter genau zur jeweiligen Station. Dort dockt die Drohne an ein vormontiertes Gestänge an. Die Fracht kann dann aus ihrem Bauch entnommen werden.
Innerhalb von drei Minuten sei sie wieder aufgeladen und startklar für den nächsten Flug, erklärte Weirather. Sollte die Drohne einmal nicht am Gebäude andocken können, etwa weil es dafür zu windig ist, gibt es alternativ auch einen Bodenlandeplatz. Koordiniert und überwacht werden die Flüge Weirather zufolge von einem Piloten, der im Notfall eingreifen kann.
Auch bei schlechtem Wetter einsetzbar
"Die Drohne ist voll redundant", erläuterte er. Sie verfüge über zehn Motoren und drei SIM-Karten, um beim Ausfall einer Komponente den reibungslosen Weiterbetrieb zu garantieren. Zudem sei sie für den Allwetterbetrieb optimiert - außer bei Schneefall und Vereisungsgefahr - und an rund 330 Tagen im Jahr einsetzbar. "Unser Wetterlimit liegt etwa bei Wind mit einer Geschwindigkeit von 55 Kilometern pro Stunde und bei Regen mit bis zu zwölf Millimetern pro Stunde."
Rund 70.000 Euro kostet das Fluggerät nach Angaben des Herstellers in der Anschaffung. Die Flugkosten beliefen sich auf acht Cent pro Minute, sagte Berger. "Das ist billiger als ein Taxi und ist zudem noch klimaneutral."
Drohne fliegt nur tagsüber
Nach Abschluss der Testphase soll die Drohne ab Anfang November dann Gewebeproben transportieren. Zunächst ist der Transport zwischen den Diakonie Kliniken und dem Institut für Pathologie des Klinikums geplant. Später soll auch das Kasseler Marienkrankenhaus angebunden werden.
Im Einsatz wird die Drohne laut Klinikum Kassel nur tagsüber und nur unter der Woche sein. Voraussichtlich wird sie demnach mehrmals täglich am Himmel zwischen den beiden Kliniken zu sehen sein.