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Nordrhein-WestfalenDer Anti-Wüst: SPD präsentiert Ott-Kampagne

02.11.2026, 17:20 Uhr
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Der SPD-Frontmann für die NRW-Landtagswahl tritt als Gegenentwurf zu Hendrik Wüst auf: offenes Hemd statt Maßanzug, Mieter im Mittelpunkt. Wie die SPD sich wieder nach vorne kämpfen will.

Düsseldorf (dpa/lnw) - Eins steht gut fünf Monate vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen schon mal fest: Ganz anders als Hendrik Wüst (CDU) soll er sein, der Wahlkampfauftritt seines SPD-Herausforderers Jochen Ott. "Keine Blazer, Krawatten oder irgendwas anderes Abgehobenes", beschreibt die junge Kreativdirektorin in der Düsseldorfer SPD-Landesparteizentrale, Theresa Gramckow, die sogenannte Vorwahl-Kampagne.

Umringt von mehr als 60 beifallsfreudigen SPD-Kandidaten für die Landtagswahl wird Ott im Johannes-Raus-Haus präsentiert als hemdsärmeliger Hoffnungsträger mit emphatischer Rede. Der 52-jährige Kölner - auch Landtagsfraktionschef - soll seine Partei in ihrem einstigen Stammland bei der Landtagswahl im April 2027 aus dann zehnjähriger Oppositionszeit erlösen.

Der Weg dahin ist allerdings steil: In der jüngsten Wählerbefragung liegt die SPD mit 18 Prozent noch deutlich unter ihrem schlechtesten NRW-Landtagswahlergebnis von 2022 (26,7 Prozent) - und Jochen Ott ist der breiten Öffentlichkeit noch wenig bekannt.

Eckkneipe statt Edelrestaurant

Das neue SPD-Rezept: Ein Gegenentwurf zum stets wie aus dem Ei gepellten Ministerpräsidenten Wüst. "Eckkneipe statt Edelrestaurant - Hemd statt Maßanzug", beschreibt NRW-Generalsekretär Frederick Cordes den Ott-Style. Und so präsentiert der sich dann auch den Medien: mit offenem Hemd, aufgekrempelten Ärmeln und energischen Ansagen.

Erstes Thema der SPD-Wahlkampagne: zu hohe Mieten. Dafür will der Spitzenkandidat tingeln - von Tür zu Tür, aber anders als üblicherweise. Nicht überall wolle er hingehen, "nicht ins Villenviertel, nicht zu den sanierten Eigentumswohnungen", kündigt er an.

Das Kümmerer-Versprechen

Stattdessen wollen die Sozialdemokraten in den Mietersiedlungen Tür-Anhänger hinterlassen, wie man sie aus Hotels kennt. Darauf findet sich eine Internet-Adresse, die zu einer Kümmer-Plattform führen soll.

Dort werde die SPD alle Geschichten von vernachlässigten Mietern, kaputten Aufzügen, kalten Wohnungen und Schimmel an den Wänden sammeln und dem nachgehen, versprach Ott. "Wir rücken Mietwucherern und Spekulanten richtig auf die Pelle."

Immerhin lebten in NRW mehr als 60 Prozent der Menschen zur Miete und viele von ihnen erlebten täglich, was Ungerechtigkeit bedeute. Zuletzt hatte das Kümmerer-Image der damaligen SPD-Frontfrau Hannelore Kraft zwischen 2010 und 2017 die Macht in NRW gesichert.

In NRW strebe die SPD keine Enteignungen an, um verantwortungslosen Eigentümern auch noch Milliarden an Entschädigungen hinterherzuwerfen, versicherte Ott. Stattdessen will die Partei eine dem Gemeinwohl verpflichtete Landeswohnungsbaugesellschaft, die für bezahlbare Angebote sorgt.

Seitenhiebe gegen Wüst

"Einer, der anpackt und macht" - dafür wolle er als Ministerpräsident stehen, unterstreicht der Spitzenkandidat, ohne den Namen Wüst zu erwähnen - dem nämlich wirft die SPD-Opposition ständig vor, Probleme mit schönen Instagram-Bildern zu übertünchen. Mit Ott bekäme NRW "einen Landespolitiker, der den Blick nach Düsseldorf richtet und nicht ständig nach Berlin schielt", zielt Generalsekretär Cordes auf die Debatten um "Reserve-Kanzler Wüst".

Bodenständig wie der Spitzenkandidat sei daher auch die Kampagne, erklärt die Kreativdirektorin. In einem der PR-Filme bedient die SPD wieder ihr verloren gegangenes Malocher-Image. Eine kernige männliche Stimme schwelgt im Ruhrpott-Slang in klassischen NRW-Lobeshymnen und preist "die härtesten Jobs Deutschlands" ("Und jetzt denkt nicht an NRW: Merkste selber, 'ne?"). Unter Tage werde zwar nicht mehr "gekloppt", aber "anne Kasse, auffe Schicht, bei der Arbeit".

"Schönreden und schön saufen reicht auf Dauer nicht"

Und ihr Spitzenkandidat weiß genau, wie das ist, stellt die SPD in ihrer Kampagne heraus. Hauptbotschaft auf knallrotem Grund: "Einer von uns für alle." Er komme aus dem rechtsrheinischen Köln, "da, wo die sogenannten kleinen Leute wohnen", unterstreicht Ott.

"Mein Vater war Fernmeldetechniker und hat sich zum Gewerkschaftssekretär hochgearbeitet, meine Mutter war Sekretärin und natürlich haben auch wir zur Miete gewohnt." Auch Wüst erzählt gerne, dass er aus kleinen Verhältnissen in der münsterländischen Provinz kommt und seiner Heimat bis heute die Treue hält.

Was zeichnet Ott dann aus im Vergleich zum Amtsinhaber? Der jetzige Ministerpräsident habe eben "andere Prioritäten", erklärt die Malocher-Stimme im Kampagnenfilm. "Dann braucht es für die harten und echten Themen eben einen anderen. Schönreden und schön saufen reicht auf Dauer nicht."

Rote Karte gegen die AfD

Und so setzt die SPD im Landtagswahlkampf 2027 voll auf die soziale Karte. Wenn die Menschen ihr Leben nicht mehr bezahlten könnten, profitierten rechtspopulistische Kräfte, warnte Landesparteichefin Sarah Philipp. Am Höhenflug der AfD zeichnet sich das auch in NRW klar ab: In den jüngsten Umfragen hat die Partei ihr Landtagswahlergebnis von 2022 fast vervierfacht.

Deswegen will die SPD gleich loslegen und ihre Tür-Anhänger ab sofort verteilen. "Bitte nicht stören" werde da, anders als bei den Hotelschildern, aber nicht draufstehen, versicherte ein kämpferisch auftretender Ott. "Wir werden stören. Wir stören die Selbstgerechtigkeit verantwortungsloser Wohnungskonzerne."

Quelle: dpa

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