Regionalnachrichten

Mecklenburg-Vorpommern"Dritter Ort" oder Werkzeugverleih: Bibliotheken im Wandel

23.10.2026, 12:42 Uhr
image

Öffentliche Bibliotheken werden zu Treffpunkten und Veranstaltungsräumen und bieten viel mehr als Bücher. Die Funktionen werden vielfältiger, aber die Finanzlage ist angespannt.

Rostock (dpa/mv) - Von Saatgut über Bohrmaschinen bis hin zu Karaoke-Anlagen - Bibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern bieten ihren Nutzerinnen und Nutzern längst mehr als Bücher. Doch teils geht es gar nicht mehr darum, wie und was ausgeliehen werden kann. Bibliotheken seien zunehmend auch Orte der Begegnung, erklärt Silvio Witt, Vorsitzender des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern im Deutschen Bibliotheksverband, vor dem bundesweiten Tag der Bibliotheken am Samstag.

Die Häuser seien auch zunehmend Veranstaltungsräume. Die öffentlichen Bibliotheken im Land hätten im vergangenen Jahr 8.600 Veranstaltungen durchgeführt, etwa Lesungen. Laut Zahlen seines Verbandes verzeichneten die Häuser mehr als 1,4 Millionen Besuche. Demnach ist die Zahl in den letzten Jahren gestiegen (2022: rund 990.000).

"Die Stadtbibliothek Rostock wird sich verstärkt zu einem sogenannten Dritten Ort entwickeln", heißt es etwa aus der größten Stadt des Landes. Das Konzept eines Dritten Ortes (vom englischen "Third Place") beschreibt demnach einen sozialen Raum außerhalb der eigenen Wohnung (erster Ort) und des Arbeitsplatzes oder der Schule (zweiter Ort).

"Ort, an dem man sich gerne aufhält"

"Die Bibliothek wird zu einem Ort, an dem man sich gerne aufhält - auch ohne ein konkretes Ausleihziel." Der Wunsch danach wurde demnach während eines stadtweiten Beteiligungsprozesses mit Veranstaltungen und Gesprächen deutlich. Aber woher kommt dieser Bedarf?

"Es gibt nicht überall ausreichend frei zugängliche Orte, an denen Menschen ohne Konsumzwang zusammenkommen können", schreibt die Stadt. "Außerdem verfügt nicht jeder Mensch zu Hause über ausreichend Platz, Ruhe oder geeignete Arbeitsbedingungen." Auch wer einfach Zeit außerhalb der eigenen Wohnung verbringen möchte, brauche zugängliche öffentliche Räume. "Bibliotheken bieten dafür häufig eine ruhige, sichere und kostenfreie Umgebung."

Akkuschrauber, Lötkolben, Saatgut

2025 verzeichneten die Häuser laut Verband rund 4,1 Millionen Entleihungen, einschließlich digitaler Medien. Das sind demnach in etwa so viele wie im Vorjahr und mehr als in den Jahren davor (2022: rund 3,6 Millionen).

Die Häuser bieten längst mehr als Bücher. In Greifswald können Gartenfreunde etwa Saatgut verschiedener Gemüsesorten erhalten und eigenes abgeben. Das passende Informationsmaterial gibt es gleich dazu. Laut Landesverband gibt es noch viele weitere Saatgutbibliotheken im Land, etwa in Bergen auf Rügen, Boizenburg/Elbe, Stavenhagen, Stralsund, oder Wismar.

Auch sogenannte Bibliotheken der Dinge gibt es demnach bereits vielerorts in MV, etwa in Neubrandenburg, Güstrow und seit dieser Woche auch in Malchin. DVD-Player, Akkuschrauber, Lötkolben und vieles weitere ist dort verfügbar.

In Schwerin gibt es seit diesem Jahr die sogenannte Open Library. Registrierte Nutzerinnen und Nutzer können die Bibliothek auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten abends selbstständig betreten und nutzen, ohne dass Bibliothekspersonal anwesend ist. In Stralsund können Nutzerinnen und Nutzer zu Randzeiten, wenn nur Wachpersonal anwesend ist, selbstständig etwa Bücher ausleihen oder verlängern. Das Konzept der Open Library stamme aus Skandinavien, erklärt Witt. Dort gebe es Bibliotheken, die rund um die Uhr zugänglich sein.

Angespannte Finanzlage

Rostock definiert verschiedene Funktionen, die die Stadtbibliothek verstärkt erfüllen soll: Sie soll lebenslanges Lernen ermöglichen, Bildung unabhängig von Herkunft und Einkommen fördern und Zugehörigkeit, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe stärken. Jugendliche erleben demnach die Bibliothek als ihren Ort - "freiwillig, selbstbestimmt und ohne Leistungsdruck". Die Bibliothek werde zudem zum niedrigschwelligen Lern- und Experimentierraum für die digitale Gesellschaft. Der sogenannte Makerspace der Stadtbibliothek bietet Menschen bereits die Möglichkeit, mit moderner Technik zu experimentieren.

Die angespannte finanzielle Lage der öffentlichen Haushalte stellt die Träger öffentlicher Bibliotheken allerdings vor Herausforderungen. Anders als in anderen Bundesländern gibt es in Mecklenburg-Vorpommern laut Witt kein Bibliotheksgesetz. "Das heißt, Bibliotheken sind eine freiwillige Aufgabe." Dadurch müssten die Kommunen und nicht das Land für die Finanzierung sorgen.

Aktuell gebe es 96 öffentliche Bibliotheken im Land. 2002 seien es noch 154 gewesen. Die letzten großen Schließungen habe es 2022 gegeben. Teils bestünden Bibliotheken zwar weiter, würden aber von Ehrenamtlichen übernommen. Dann könnten bestimmte Qualitätskriterien aber nicht mehr erfüllt werden.

Klein, aber fein

"Wir nennen das immer die Spirale nach unten", sagte er mit Blick auf Einsparungen bei Bibliotheken. Wenn Gelder gestrichen werden, könnten teils keine neuen Medien angeschafft werden oder die Personalstelle werde gekürzt. Dadurch sinken die Attraktivität und auch die Nutzungszahlen. "Und irgendwann sagen sie, da kommt ja gar keiner mehr."

Die Hälfte der öffentlichen Bibliotheken im Land seien Ein-Mann- oder Ein-Frau-Bibliotheken. Solange Bibliotheken hauptamtlich betrieben werden, seien kleinere Bibliotheken aber nicht automatisch schlechter als die größeren. Die örtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiteten mit viel Herzblut, organisierten etwa Veranstaltungen, ohne auf Überstunden zu schauen.

Bei aller Neuerungen glaubt Witt, auch die klassische Ausleihe von Büchern habe eine Zukunft. "Wir mögen etwas in der Hand zu haben, was haptisch ist."

Quelle: dpa

Regionales