Berlin & BrandenburgWie türkische Arbeitskräfte nach Berlin gekommen sind

Ein Abkommen zum Anwerben türkischer Arbeitskräfte vor 65 Jahren hat auch Berlin verändert. Zehntausende kamen daraufhin in den Westteil der Stadt - und viele sind geblieben.
Berlin (dpa/bb) - Im Jahr des Mauerbaus vor 65 Jahren war Migration noch ein Fremdwort. Als Ende Oktober 1961 in Bad Godesberg das deutsch-türkische Abkommen zum Anwerben von Arbeitskräften aus der Türkei unterzeichnet wurde, konnte sich kaum jemand vorstellen, wie sehr sich Berlin dadurch verändern würde.
Heute ist Berlin "die Stadt der Vielfalt, der Weltoffenheit und Internationalität", wie der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) betont. Einen ganz wesentlichen Beitrag daran haben nach seiner Einschätzung die vielen türkischen Menschen.
Für Berlins Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe ist das deutsch-türkisches Anwerbeabkommen eng mit der Familiengeschichte verknüpft: Ihr Vater kam 1961 aus der Türkei nach Deutschland. "Wie viele andere Menschen hat er hart gearbeitet, Entbehrungen auf sich genommen und seinen Kindern neue Wege eröffnet", schildert die SPD-Politikerin. "Auch mein eigener Lebensweg steht auf den Schultern dieser ersten Generation. Diese Menschen haben Berlin mit aufgebaut und unsere Stadt zu dem gemacht, was sie heute ist."
Museum für Geschichte der Migration
Kiziltepe macht sich für ein Museum in der Hauptstadt stark, das an die Geschichte der Migration erinnert. Die Geschichte der Menschen verdiene einen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur. "Denn die Geschichte der Einwanderung ist die Geschichte Berlins."
Mit einer Festveranstaltung im Roten Rathaus wurde an das am 30. Oktober 1961 unterzeichnete Anwerbeabkommen erinnert. Dabei wurden in einer Ausstellung Lebenswege und Leistungen der ersten Einwanderergeneration gewürdigt. "Mir ist es wichtig, die individuellen Lebenswege und Erfahrungen sichtbar zu machen", erklärte Berlins Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial.
Rund 82.000 Menschen kommen nach West-Berlin
In den zwölf Jahren nach Unterzeichnung des Abkommens reisten nach offiziellen Angaben rund 867.000 Frauen und Männer aus der Türkei nach Westdeutschland ein, allein rund 82.000 kamen nach West-Berlin. Bis Ende des Jahres 1961 waren es nur 284, doch danach zog die Zahl steil an. "Der Fachkräftebedarf war enorm, auch in Westberlin, gerade durch die geteilte Stadt", so die Integrationsbeauftragte Niewiedzial.
Zu Beginn der 1970er-Jahre arbeiteten Menschen aus der Türkei in Berlin nach Angaben aus der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Integration und Vielfalt vor allem als Industriearbeiterinnen und -arbeiter.
Ganz unterschiedliche Arbeitgeber
Wichtige Branchen waren unter anderem die Elektroindustrie, die metallverarbeitende Industrie, der Maschinenbau, die Nahrungsmittelindustrie. Zu den großen Arbeitgebern gehörten unter anderem AEG, Siemens und die Berliner Verkehrsbetriebe oder das Kakao- und Schokoladenwerk in Berlin-Lichtenrade.
Ursprünglich war das Abkommen als eine Lösung auf Zeit gedacht, um zunächst für zwei Jahre Arbeitskräfte für die stark wachsende deutsche Wirtschaft zu gewinnen. Doch schon 1964 wurde die Befristung aufgegeben und ein dauerhafter Aufenthalt sowie der erleichterte Nachzug der Familien ermöglicht.
Berlinweit leben heute nach den Daten der zuständigen Senatsverwaltung rund 210.000 Menschen mit Türkeibezug. Mehr als 100.000 von ihnen sind türkische Staatsangehörige. In der Hauptstadt sind sie mit Abstand die größte migrantische Community.