Regionalnachrichten

Baden-WürttembergTödlicher Unfall bei Brückenbau - "Keine Zeit zu reagieren"

05.11.2026, 13:28 Uhr
image

Drei Arbeiter starben im Mai 2025, als ihre Gondel von einem Kran in die Tiefe stürzte. Nun steht der Kranführer vor Gericht und schildert den Unfall. Ein anderer Mann ist nur knapp dem Tod entgangen.

Horb (dpa/lsw) - Fast anderthalb Jahre nach einem tödlichen Unfall auf einer Brückenbaustelle im Nordschwarzwald treffen zwei Männer im Gerichtssaal aufeinander, für die der 20. Mai 2025 ein schicksalhafter Tag geworden ist. Der eine ist als Kranführer wegen fahrlässiger Tötung angeklagt und musste nach eigener Aussage just an jenem Tag spontan den Kran wechseln. Der andere filmt mit seiner Werbeagentur das Bauprojekt - und wäre an seinem Geburtstag beinahe in die Personengondel gestiegen, die wenig später etwa 55 Meter in die Tiefe stürzte.

Drei Arbeiter waren in der Gondel. Die Männer im Alter von 40 bis 46 Jahren - zwei Polen und ein Deutscher - waren sofort tot. Das Unglück sorgte weit über Horb am Neckar (Landkreis Freudenstadt) hinaus für Entsetzen.

Laut dem Ermittlungsergebnis war die Transportgondel am Haken eines 105 Meter hohen Arbeitskrans eingehängt gewesen und hätte die drei Arbeiter auf eine Plattform bringen sollen. Das Kranseil kollidierte mit einem horizontal zwischen einem Brückenpfeiler und einem Gerüst gespannten Sicherungsseil, riss - und die Gondel stürzte in die Tiefe.

Die Staatsanwaltschaft geht von menschlichem Versagen aus und macht den Kranführer dafür verantwortlich. Er habe das Sicherungsseil übersehen und während des Hubvorgangs zu früh einen leichten Rechtsschwenk vollzogen. Die Behörde wirft ihm mangelnde Sorgfalt vor. Die Spannseile waren nicht gekennzeichnet, wie die Staatsanwältin vorträgt. Das sei auch nicht vorgeschrieben.

Erster Tag auf dem Unglückskran

Der 38-Jährige sieht das anders. Er habe bis zum Unglückstag auf zwei anderen Kränen gearbeitet, sagt er aus. Am 20. Mai 2025 habe er spontan den Kran wechseln sollen - gegen seinen Willen. "Ich wollte auf meinem Kran bleiben." Er habe sich schließlich der Vorgabe gefügt. Die Verantwortung für das Unglück trägt aus seiner Sicht die Bauleitung.

Von der vorherigen Arbeitsstelle aus habe er die Spannseile nicht gesehen und habe an dem Morgen keine Hinweise darauf bekommen. Aus seiner Kanzel am Kran seien die Stahlseile vor dem Beton auch nicht zu sehen gewesen.

"Hochziehen, du bist frei"

Nachdem die Personalgondel korrekt am Haken gehangen habe, sei von den Kollegen aus der Gondel per Funk die Ansage gekommen: "Hochziehen, du bist frei", wie sein Verteidiger in einer Erklärung verliest. Plötzlich habe er ein Geräusch gehört wie bei einem Flugzeug. "Es gab keine Zeit zu reagieren."

Er habe den Kran nicht nach rechts geschwenkt, beteuert der Angeklagte selbst. Zumal er für die geplante Zielposition der Gondel nach links hätte schwenken müssen.

Nach dem Absturz habe er gezittert. "Ich war richtig schockiert", sagt der 38-Jährige. Gefühlt habe er in dem Moment nichts mehr. Danach habe er sich tagelang Gedanken gemacht: "Ich überlege Tag und Nacht: Wie ist das passiert?" Seit dem Vorfall arbeite er nicht mehr, sei in Psychotherapie und nehme Medikamente.

Kollegen verloren

Zu Beginn seiner Aussage kondoliert der Kranführer Angehörigen der drei Getöteten: "Mein herzliches Beileid." Hinterbliebene sind zwar Nebenkläger in dem Prozess, sie sind aber beim ersten Verhandlungstag nicht im Gerichtssaal.

"Ich habe drei Kollegen verloren", verliest sein Rechtsanwalt dann die Erklärung des Angeklagten. "Ich trage diesen Verlust als Mensch, nicht als Täter."

Das Amtsgericht hatte einen Strafbefehl gegen den Mann erlassen. Es geht um eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten - ausgesetzt zur Bewährung - und eine Geldauflage in Höhe von 10.000 Euro. Dagegen legte er Einspruch ein.

Deswegen gibt es nun eine Hauptverhandlung. Das Gericht plant mit Terminen bis 26. November. Es will einen Sachverständigen und mehrere Zeugen hören.

Unfall von Werbeagentur gefilmt

Einer davon ist der Betreiber der Werbeagentur, die für eine Baufirma das Brückenprojekt begleitet und unter anderem mit Drohnen filmt. Auch am 20. Mai 2025. Daher gebe es Aufnahmen von dem Vorfall.

Er habe noch zur Mittagszeit einen der Mitarbeiter am Boden auf dem Weg zur Gondel gefilmt, sagt der Zeuge. Der Mann habe ihm vorgeschlagen, mit hochzufahren. Da er aber an jenem Tag Geburtstag hatte, habe er Pizza für die Runde besorgen wollen. "Ich bin froh, dass ich nicht eingestiegen bin."

Während er noch einen Schweißer bei der Arbeit filmte, habe er Geräusche gehört. "Man hat einfach gewusst, scheiße, da stimmt was nicht."

Die Männer in der Gondel hätten geschrien. Das verfolge einen, sagt der Zeuge. "Das ging durchs ganze Tal."

"Danach war Totenstille"

Innerhalb von zwei, drei Sekunden sei die Gondel in die Tiefe gestürzt. "Wir konnten nur noch zusehen, wie die schreiend quasi auf den Boden fallen", sagt er aus. "Danach war gefühlt Totenstille."

Er sei als Erster an der Gondel gewesen und habe beim Blick in die Gondel gewusst: "Das ist vorbei, da ist kein Leben mehr drin", schildert der Zeuge. "Das Bild, was sich uns geboten hat, war natürlich grauenhaft."

Die Hochbrücke ist Teil eines umfangreichen Straßenbauprojekts. Sie soll künftig den Verkehr auf der Bundesstraße 32 über das Neckartal führen. Laut Karlsruher Regierungspräsidium soll die Brücke 2.100 Meter lang werden und bis zu 90 Meter hoch sein. Die Freigabe ist voraussichtlich für 2028 geplant.

Quelle: dpa

Regionales